Donnerstag, Dezember 08, 2005

Das Wetter ist immer eine gute Einleitung.
Auch dieses mal. Es war so richtig bäh.
Nicht das es in seiner bedrückenden Art Premiere hatte dieses Jahr - doch weiter gegen Anfang Herbst hat man doch zumindest noch bunt leuchtende Bäume, die es machmal vermögen die Tristheit ihrer faden Umgebung zur Gänze aufzuheben. Das ist dann eben Bilderbuchherbst.
Heute wars eher ein bodenseetypisches Neutrum, androgyne Ersatzjahreszeit die sich weder für den Winter noch für den Herbst entscheiden kann, und einfach mal frech beide überlagert.
Nass. Kalt. Farblos. Tot.
Tot wie das Mädchen deretwegen ich und viele andere hier auf diesem Friedhof stehen, dessen graue Grabsteine und kahle Bäume der ganzen Athmosphäre beinahe schon etwas morbid anmutendes verleihen.
Warum sie sich mit 17 das Leben nahm weiß keiner. Es wird nichteinmal groß spekuliert. Stattdessen entsetzt und schockiert hingenommen. Nur die Lokalpresse zerreißt sich den Mund.
Die Mutter ist glaube ich noch im Schockstadium, und vollkommen aufgelöst. Wie soll man sich denn fühlen, wenn die eigene Tochter sich das Leben nimmt. Die Stütze "Lebenspartner" ist in diesem Fall in Russland und gedenkt auch dort zu bleiben.
Das Mädchen war in meiner Klasse, doch ich will nicht heucheln, die Worte die wir in all den Jahren gewechselt haben lassen sich fast an einer Hand abzählen.
Ich hatte einfach keinerlei Beziehung zu ihr. Sie war weniger als introvertiert, sehr abweisend und verschlossen, und hatte auch nur Kontakt zu einigen Mädchen. Die können jetzt weinen. Sehr interessant zu beobachten wie sich ganze Lästerriegen jetzt im Rotationssystem in den Armen liegen. Alle Zickerei weicht einem großen Zusammengehörigkeitsgefühl.
Ich und viele andere hingegen haben keine Ahnung was man empfinden soll. Vermutlich ist es garnichts. Vielleicht Mitleid mit den Verwandten und Freunden, aber mehr nicht.
Ich hatte nunmal keinerlei emotionale Verbindung zu ihr.
Nur mein Verstand kreist um die schrecklichen Tatsachen.
Die Beerdigung fliegt mehr oder weniger an mir vorbei. Wie eine gedankenversunkene Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Und ich bin irgendwie froh dazu im Stande zu sein. So makaber es auch klingt.
Denn ich wüsste wirklich nicht woher ich anderenfalls irgendeinen Trost nehmen sollte.
Bei allen Beerdigungen auf denen ich bisher war, konnte man irgendwie sagen. "Schönes Leben gehabt", "Toller Mensch" oder "Der Tod gehört nunmal zum Leben" Das war etwas zum dran festhalten.
Heute hat man dazu höchstens die weiße Rose oder die Kerze in den frierenden Händen, manche den Glauben, welcher in Form der Predigt des Pfarrers aber auch nur sehr oberflächlich überzeugt.
Das Ganze ist im Grunde genommen ein riesiges Tabu.
Darum sind auch alle glücklich nach der Beerdigung ins warme Gemeindehaus gehen zu können. Es gibt Kaffe und Kuchen, sowie ein Zimmer mit Sofas und Sesseln für die Klassen- und Jugendgruppenkameraden der Verstorbenen.
Und dann geht es los, mit gewollter und einvernehmlicher Realitätsverdrängung für die ehrlich Trauernden, und erleichterter Entspannung für den Rest. Man freut sich zusammen zu sein, macht Witze, redet, lacht viel. Isst ein wenig Kuchen, spielt Kicker. Die Stimmung ist gelassen, fast zu gelassen für einen Leichenschmaus - doch das stört keinen wirklich.
Und so genießen alle die Stunden. Das ist schon gut so. Und ich will auch nichts kaputtreden dran. Es ist das Beste das man machen kann, und dient sicherlich als Sprungbrett um wieder in den Alltag zu finden.
Aber ein klein bisschen einfach macht sichs der Mensch schon ...

2 Comments:

At 8/12/05 20:29, Blogger flensman said...

kenne solche situationen auch; erst die trauer, dann der schnaps; naja, wenn´s die sache erleichtert...

 
At 9/12/05 14:11, Blogger Rohrkrieg said...

ich glaub ich besauf mich heute wirklich.
Ob dieser Entschluss aber etwas damit zu tun hat glaube ich kaum ;)

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home