Sonntag, Oktober 02, 2005

Esel sind nicht dumm

Gestern auf der Arbeit.
Nebliges Herbstwetter. Der wolkenverhangene Himmel erleichtert sich regelmäßig. Es ist nass. Sogar die Affen rutschen hin und wieder auf den Stangen aus. Mit jedem Windstoß fallen mehr Blätter auf den matschigen Waldboden.
Mit jedem Windstoß ist das Fell der Affen schwerer darauf auszumachen.
Soll ich mich freuen?
Es kommen kaum Besucher. Kaum etwas zu tun. An der Popcornausgabe sowieso. Die wenigen Mutigen müssen mit der einen Hand den Regenschirm halten und und die Andere in der Hosentasche wärmen. Kein Platz für Popcorn.
In meinem Magen schon. Aber ich habe wieder einen schlechten Sack erwischt. Das sterile Plastiktütenaroma ist widerlich.
Durch die Bäume sehe ich wieder eine Gruppe Besucher hochkommen.
"Guten Tag"
"Hallo"
"Einfach eine Hand aus dem Korb nehmen und dann einzelnd auf der flachen, ausgestreckten Hand den Affen hinreichen."
Ich halte den Kindern den Korb herunter. Wenigstens ihnen scheint das Wetter nichts auszumachen. Sie haben schon den ersten Affen entdeckt. Die Eltern machen noch die Witze die etwa 9/10 Personen machen.
"Aber nicht selbst essen, das Popcorn, gell? "
"Die Affen erinnern mich irgendwie an euch!"
"So jetzt sag mal schön Danke, Äffchen."
Die Kinder sind schon längst weiter den Berg hoch. Die Eltern beeilen sich nachzukommen. Kurz danach sind die 4 verschwunden.

Der alte Mann nicht. Er hat sich ein wenig entfernt hingesetzt, und schaut den Affen beim Fressen zu. Vielleicht anfang 70 denke ich mir.
Ich fülle den Korb wieder nach. Fege ein paar Blätter vom Weg.
Wir kommen ins Gespräch.
Es kommen einige Standartfragen. Ich gebe Standartantworten.
Ich hasse Smalltalk. Eigentlich schlechte Vorraussetzungen für diesen Aufsicht & Informationspersons-job.
Der Mann redet in nicht klaren Sätzen. Er ist schwerhörig.
Ich gehe näher zu ihm. Rede lauter.
Er scheint sich nicht wirklich für die Affen zu interessieren.
"Ich war vor 20 Jahren schon hier - jetzt kann ich nichtmehr laufen. Hab' so lauter Plastikröhren in den Beinen. Den Berg da hoch schaff ich nicht mehr. "
Was soll ich sagen? Ich höre ihm lieber zu.
Mir fällt immernoch schwer ihm zu folgen.
Irgendwie kommt er von den Affen zu Pferden und Eseln. Er hatte mal welche gekreuzt.
Pferdezucht also, denke ich mir.
Er will damit irgeneinen Zusammenhang zu der Affen-unsere-Vorfahren-Geschichte aufbauen.
Ich habe immernoch nichts gesagt.
"Warum zähmen sie die Affen eigentlich nicht?"
endlich etwas zu sagen:"Standartantwort"
Er lacht, und beginnt zu erzählen:
"Als ich in Afrika war fand ich einmal einen Esel. Einen ganz hundsgewöhnlichen, wilden Esel. Ich habe ihn in 3 Tagen dressiert.
Man sagt immer Esel sind dumm. Aber nach 3 Tagen hat er auf meine Wörter gehört."
"Wow"
"Ich hatte also diesen Esel. Naheliegenderweise gab ich ihm mein Gepäck. Wirklich praktisch, dachte ich mir - das sind ja schließlich nicht gerade kleinen Entfernungen in Afrika, nicht wahr? Und ich hatte viel zu tragen. Das war kein Zuckerschlecken, auch wenn ich noch ein junger Spunt war, ohne Plastikröhren in den Beinen.
Ich hatte den Esel beladen und er ging los. Allerdings nur ein paar Schritte. Dann blieb er stehen, drehte sich zu mir um und sah mich vorwurfsvoll an."
"Und dann?"
"Ich schnallte mir den Proviant und das Wasser wieder selbst um
Und der Esel ging wieder los. Ein paar Schritte. Dann blieb er wieder stehen"
"Doch nicht so gut dressiert?"
"Von wegen. Er war nur zu schlau! Ich nahm dann eben das MG und die Munition, und gab ihm dafür wieder das Wasser-"
Mein Gott der Mann redet ja vom 2. Weltkrieg schießt es mir durch den Kopf.
Der Mann erscheint mir jetzt in einem ganz anderen Licht. Ich hätte nicht gedacht, dass er so alt ist.
"-und als ich schließlich das Gewicht genau 1:1 auf uns beide aufgeteilt hatte lief er anstandslos weiter. Er hat sich nicht so einfach ausnutzen lassen. Und dabei sagt man immer Esel seien dumm!"
"unglaublich"
"Das war schon nicht schlecht. Und ich brachte ihm bei, dass er sich hinlegte wenn der Tommy schoss. Ich legte mich dann immer hinter ihn und packte das MG aus und schoß zurück. Das Tier lernte das es bei all dem Lärm und den Explosionen und Schüssen besser war nicht in Panik loszurennen sondern liegenzubleiben"
"unfassbar!"
"Tja 8 Tage hat er gehalten - Wirklich schlaues Tier war das... "
Er hat mein Interesse geweckt. Ich will mehr wissen
Doch er erzählt nicht weiter. Seine klare Phase ist wieder vorbei.

Das Gespräch verebbt wieder zu unstrukturiertem Smalltalk, und wir kommen sogar wieder auf die Affen zurück die immernoch fressend herumsitzen.
"Da gibts keinen andren Weg hier, was? Nur den Berg da hoch?"
"Ja, leider"
"Dann geh ich jetzt mal zum Eingang zurück und warte da auf meine Leute."
Er scheint beleidigt sein, das sie einfach losgegangen sind.
Er nimmt sich eine Hand Popcorn, und probiert es.
Ihn scheint das Plastiktütenaroma nicht zu stören.
Ich wünsche ihm noch einen schönen Tag, er verabschiedet sich, und geht langsam den Weg zurück.
-
Da vorne kommen wieder Leute.
"Guten Tag"
"Hallo"
"Einfach eine Hand aus dem Korb nehmen und dann einzelnd auf der flachen, ausgestreckten Hand den Affen hinreichen."
Ich hasse Smalltalk