Dienstag, Oktober 18, 2005

Busfahren mit Gary Jules

Ich bin der einzige Zusteiger an der Haltestelle. Der Bus ist fast voll.
Glücklicherweise bekomme ich gerade so noch einen der wenigen übrigen Plätze.
Neben mir am Fenster sitzt ein nervöser kleiner Junge, der permanent am Schulranzen rumspielt und paranoid um sich schaut.
Damit ist er eine Ausnahme. Im Bus sind zwar verschiedenste Leute, die bekannte Reihe der einfachen individuellen Merkmale: dick & dünn, groß & klein, jung & alt etc.; doch sie alle wirken völlig gleich.
Sie alle sitzen ruhig auf ihren Sitzen und starren wie willenlos aus dem Fenster. Ein paar Wenige die sich zu kennen scheinen reden gedämpft miteinander. Doch die Minen sind durchsetzt von Müdigkeit, Langeweile, Herbstdepression. Das wir uns im Herbst befinden verrät einem die Athmosphäre genauso wie der Blick aus dem Fenster.

Ich setzte die Kopfhörer auf. Donavan - Season Of The Witch.
Passt ganz gut.
Eigentlich ist der Bus viel zu schön, denke ich mir.
In einer Touristikgegend wie hier sind die Busse sehr luxoriös ausgestatten.
Gemütliche Sitze, hohe Lehnen, einigermaßen Platz, das warme, unaufdringliche Licht.
Ein Kontrast zu der vorherrschenden Stimmung.
Die würde besser zu den harten Sitzen mit den niedrigen Lehnen und dem kalten Neonlicht einer verratzten U-Bahn passen.
Der Junge neben mir ist da fast erfrischend komisch: Er steht kurz auf, um durch den Bus zu schauen als suche er jemanden, und setzt sich wieder hin. Immer wieder. Hoch -Runter.
Ich frage ihn ob er aus dem 2er Sitz raus will - doch er schüttelt den Kopf. Langsam wird er etwas ruhiger; beginnt in der Nase zu popeln.
Ich wende meine Blicke anderen Leuten zu. Immernoch überall derselbe gleichgültige Gesichtsausdruck. Manche nicken hin und wieder ein. Manche schlafen richtig.

Vermutlich bin ich nicht viel besser als sie alle.
Aus dem Fenster zu schauen. Musik hören. Nachdenken. Abschotten.
So praktiziere auch ich das allmorgendliche Busfahren.
Gary Jules - Mad World. Passt gut. Richtig gut.


All around me are familiar faces
Worn out places
Worn out faces
Bright and early for the daily races
Going no where
Going no where


Mann, wirkt das Ganze jetzt traurig. Seelenlos. fast tot, aber nicht sterbend.
Ich denke das Lied neigt meine Betrachtungen zu dramatisieren.
Es ist vielleicht wie ich beschrieben habe, aber es ist nicht schlecht.
Beim näheren Darübernachdenken ist es mir gar nur Recht.
Was soll ich kritisieren?
Wenn das Gegenteil los wäre, wie meist mittags im Sommer, könnte ich vermutlich auch viel kritisieren. Aber wieso nicht das Positive sehen? Ändern kann man eh nichts.
Es ist mir wirklich Recht so.
Ich habe Ruhe. Kein Stress. Kann mich von der Musik berieseln/inspirieren lassen.
So wie jetzt.
Dieser Zustand ermöglicht es mir die "Mad World" von außen zu betrachten wie Gary Jules es durch meine Kopfhörer tut.
Die Welt ist friedlich, bevor sie rastlos wird.
Hier im Bus

4 Comments:

At 19/10/05 08:27, Blogger pulsiv said...

ich finde, der titel passte nicht gut zum schluß von donnie darko... ein echter downer. was flippiges hätte die leute noch viel mehr verwirrt als sie schon waren.

 
At 20/10/05 15:46, Blogger Rohrkrieg said...

ich fand ihn gut ghewählt.
Ein Flipper hätte den AmericanPie-Charakter dominieren lassen, und dem film seine Seriösität genommen.

 
At 21/10/05 11:14, Blogger pulsiv said...

die musikauswahl während des films war eigentlich die ganze zeit sehr verworren. das einzigste was wirklich gepasst hat, war der schluß... deswegen wundere ich mich ja...

 
At 21/10/05 17:14, Blogger Rohrkrieg said...

zumindest alles 80s :)
Die Klavier-parts waren eigentlich auch harmonisch.
Wie auch immer - guter Film jedenfalls

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home